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Unterhaltung

Hitler in der Komödie „Jojo Rabbit

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Bei Betzlers in Nazideutschland sitzt der Führer immer mit bei Tisch. Adolf Hitler ist nämlich der beste Freund des kleinen Johannes. Zumindest bildet Johannes sich das ein. Und so ergibt sich das Bild einer perfekten Diktatur: Der Mann ganz oben und der kleine Mann ganz unten sind immer beisammen. Diese Welt der Vorstellung bekommt Risse, als Johannes, allgemein Jojo genannt, in einer versteckten Kammer im Obergeschoss bei den Betzlers ein Mädchen entdeckt. Elsa ist Jüdin, und im Gegensatz zu der imaginären Präsenz des Führers ist sie real – wenn auch in einem Film, der ganz offensichtlich eine Phantasie darstellt.

„Jojo Rabbit“ von Taika Waititi war vergangene Woche beim Filmfestival in Toronto die mit der größten Spannung erwartete amerikanische Premiere. Das hatte nicht nur mit dem hohen Anspruch zu tun, der schon aus den Inhaltsangaben zu entnehmen war: eine Komödie über Deutschland und die Juden in der Zeit der Vernichtung, bei der man eigentlich nur an Chaplin denken konnte („Der große Diktator“), vielleicht noch an Roberto Benigni („Das Leben ist schön“). Und dann noch dieser Regisseur, Taika Waititi, Neuseeländer mit maorischen und jüdischen Wurzeln, in Hollywood bekannt geworden mit dem Blockbuster „Thor: Tag der Entscheidung“! Waititi höchstpersönlich spielt in „Jojo Rabbit“ den Adolf Hitler, der als „imaginärer Freund“ des kleinen Johannes seinen antisemitischen Schwachsinn als Normalität auszugeben versucht. Ausgedacht hat sich diese Geschichte die belgisch-amerikanisch-neuseeländische Autorin Christine Leunens.

Toronto ist keineswegs der schlechteste Ort für eine derartige Premiere. Die kanadische Millionenstadt verströmt ein Gefühl von großer Jugendlichkeit, man spürt, dass hier ein dezidiertes Einwanderungsland sich mit Geschichten zu versorgen sucht, die über die im Vergleich doch deutliche historische Randlage hinausschauen lassen. Wenn das so publikumswirksam geschieht wie in „Jojo Rabbit“, können alle glücklich sein: die Vertreter der „industry“, die Kritiker und natürlich auch Hollywood.

Vorteil durch Entfremdung

Der deutsche Regisseur Dani Levy, der mit „Mein Führer“ 2007 noch auf zahlreiche Bedenken traf, wie über Adolf Hitler am besten zu lachen wäre (gar nicht, war damals die wohlfeilste Meinung), wird vermutlich ein bisschen wehmütig von „Jojo Rabbit“ lesen. Allerdings hat Taika Waititi einen enormen Vorteil: Die englische Sprache und eine in diesem Fall brillante Schauspielerin wie Scarlett Johansson sorgen für einen Verfremdungseffekt, der durch exzellentes Komödienhandwerk zugleich verstärkt und entschärft wird. Perfekt besetzte Nebenrollen (Rebel Wilson als Fräulein Rahm verkörpert ganze Filmgeschichten in einer üppigen Miniatur) und eine klug zugespitzte Dramaturgie zeugen davon, dass die Nazivergangenheit zumindest in der größten Unterhaltungsindustrie der Welt nicht mehr bewältigt werden muss, sondern zum Orientierungspunkt in einem sehr grundsätzlichen humanistischen Schema geworden ist: Schlecht ist, was einem kleinen Jungen die Sicht verstellt. Deswegen fliegt der Führer schließlich aus dem Fenster.



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Es gehört zum Marketing des TIFF (Toronto International Film Festival), dass hier das Schaulaufen für die Oscar-Saison beginnt. Das behauptet zwar auch Venedig von sich, das in diesem Jahr mit dem „Joker“ ein wichtiges Pfund hatte und eine Woche vor dem TIFF zu Ende ging. In der Konkurrenz zwischen dem europäischen Traditionsfestival und dem weiter aufstrebenden nordamerikanischen Kinorummelplatz liegt aber ein spannendes Motiv verborgen, das auch bei „Jojo Rabbit“ eine Rolle spielt: (West-)Europa war seit 1945 nicht nur ein natürlicher Verbündeter Amerikas, sondern auch der primäre Exportmarkt. Inzwischen haben sich die Gewichte deutlich verschoben; von Toronto aus blickt die Branche nicht nur nach Paris oder Berlin, sondern auch nach Malaysia und Kuala Lumpur. Vom Elefanten im medialen Weltinnenraum, der Volksrepublik China, einmal ganz zu schweigen.

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